Archiv der Kategorie ‘Werbung‘

Ganz Deutschland fiebert mit …

Dienstag, den 7. August 2007

Wenn man der Werbung eines privaten Fernsehsenders glauben darf, lebt diese Republik in einem erwartungsvollen Fieberwahn. Der Erreger des angeblichen Fiebers soll eine Sendung namens „Gülcans Traumhochzeit“ sein: Kriegen sie sich, kriegen sie sich vorher in die Haare, lassen sie es dann doch bleiben? „Sie“ sind ein junges Pärchen, deren vom Sender kommunizierte Wichtigkeit sich nur „Prominenz“-ignoranten Menschen wie mir nicht erschließt. Denn: Nach der inbrünstigen Vortragsweise in der Eigenwerbung, gibt es für die Bewohner dieses Landes anscheinend nichts, was es auch nur annähernd an Wichtigkeit mit besagter Verehelichung auf sich nehmen kann.
Mein Wissen speist sich aus der in o.g. Werbetrailern abgespulten abgespielten Kollektion an Bild- und Tondokumenten. Und die hat mich nun wirklich nicht in fiebrige Erwartung versetzt (es sei denn, dass meine Hoffnung auf ein möglichst schnelles Vorüberziehen der Einblendung auch zählt). Und damit sind wir bei meinem eigentlichen Problem, der unberechtigten Vereinnahmung meiner Person: „Ganz Deutschland fiebert mit …“ Frei nach „Asterix & Obelix“ kann ich da nur sagen „Ganz Deutschland?“
NEIN, nicht ganz Deutschland fieberwahnt in diesem Zusammenhang vor sich hin. Nach einer Umfrage im Kreise meiner Lieben kann ich versichern, dass keiner der Befragten auch nur eine im Zehntelbereich befindliche Temperaturerhöhung „erlitten“ hat, vor lauter Anspannung, das Finale dieser Doku zu sehen. Um genau zu sein: Die meisten wussten nicht mal, wovon ich spreche. Die waren offenbar nicht mal in die Nähe des Fiebererzeugers gekommen!
Ich würde es also begrüßen, wenn alle Fernseh- und Radiosender, sowie sonstige Meinungsbildner, künftig die vermutlich aus diffusen Allmachtsfantasien genährten Formulierungen „Ganz Deutschland/Niedersachsen/Hannover …“ mit dem Zusatz „Mit Ausnahme von Frau H. aus H. … (und ggf. weiteren Ausnahmen)“ versehen. Es sei denn, man hat tatsächlich die Zustimmung von allen „ganz Irgendwo“-Bewohnern. Was mir im Zusammenhang mit Sendungen in der Art der o.g. Dokureihe doch eher unwahrscheinlich erscheint.

Leinen los …

Sonntag, den 15. Juli 2007

Bügel-Enthusiasten und Menschen, deren Kleidung fremdgeglättet wird (die Glücklichen!), greifen ohne Bedenken ganzjährig zum Leinenstöffchen, alle anderen meist nur in der warmen Jahreszeit, wenn man gern etwas Kühles auf der Haut hat.
Denn: Leinen lässt sich nur unter massivem Körpereinsatz faltenfrei bekommen. Und kaum hat man das mühsamst planierte Kleidungsstück angezogen, sieht das undankbare Teil aus, als hätte es sein Lebtag noch nie unter einem Bügeleisen gelegen!
Dann kommt von irgendjemandem der unvermeidliche und auch nicht wirklich tröstende Satz, der für mich aber DAS Beispiel für erstklassiges Marketing ist: „Leinen knittert edel.“
Wem auch immer dieser Spruch zuerst in den Sinn und dann über die Lippen kam, sie/er hat es geschafft, denn mit diesem Satz wird einem ein absoluter Produktnachteil auch noch als besonderes Qualitätsmerkmal verkauft!
Verblüffend. Noch verblüffender finde ich aber das beifällige Nicken sogar von Leuten, die sonst unter die Rubrik „kritische Konsumenten, nicht veräppelbar“ fallen.
Das muss man erstmal toppen …

Un-Limette-d Edition

Montag, den 11. Juni 2007

LimetteWas ist klein und grün? Nein, es ist kein Frosch. ES ist die Limette.
Sie ist für mich derzeit das augenfälligste Beispiel für Alltagsdurchdringung:
Sie steht mit mir unter der Dusche, schäumt in meinen Haaren und duftet als Körperspray an mir herum. Zum Frühstück gibt es Toastbrot mit Marmelade (natürlich mit Limettenstückchen). Als kleinen Snack am Vormittag esse ich einen Joghurt mit … Limette.
In Form von Schokolade mit Limettenfüllung schleicht sie sich als Süßware in meinen Einkaufskorb. Für Schokoladenabstinente hat sie es sich bereits im Eis bequem gemacht.
Und am Abend hat sie ihren ganz großen Auftritt als zentraler Bestandteil einer Caipirinha. Das nenne ich ein eifriges Früchtchen.
Die Zitrone hat Jahre gebraucht, um sich aus dem Putzschrank in den Kühlschrank vorzuarbeiten. Und unter die Dusche, an unseren Körper hat sie es nie richtig geschafft. Zu sehr ist der Gedanke an sie mit ihren Leistungen als putzteuflisches Helferlein verknüpft.
Die Limette hat ihren Einstieg ins Show-Business anders angefangen: Sie kam luxuriös als Praliné vorgefahren. Das wertet ihre neuen „Kleider“, so profan sie auch sein mögen, auf. Sie kann es sich sogar leisten, im Geschirrspülmittel aufzutreten.
Die Zitrone ist das Arbeitstier, sie regiert in Haushaltsreiniger, WC-Reiniger, Scheuermilch usw. – das führt dazu, dass ihren neuen Produkten irgendwie das Außergewöhnliche, die Exklusivität fehlt. Sie wird es wohl nie bis ganz nach oben schaffen.
Ich bin gespannt, wie lange die Limette sich noch an der Spitze hält und in welchen Neuheiten sie aufwartet. Aber irgendwann wird sie wohl völlig ausgequetscht sein, während uns die Zitrone als treue Seele erhalten bleibt.

Gruppentherapie?

Dienstag, den 15. Mai 2007

In einem Prospekt einer großen Handelskette fand ich ein Angebot, das mich stutzen ließ: „Große Weinaktion.“

Gruppentherapie Ich weiß, wir Norddeutschen sind nun nicht gerade mit dem sprichwörtlichen rheinischen Frohsinn gesegnet, aber dass hier kollektive Schluchzveranstaltungen abgehalten werden, hat mich doch überrascht. Und betroffen gemacht. Und fast zu Tränen gerührt. Aber eben auch nur fast.
Ausgerechnet jetzt, nach Wochen schönsten Wetters, sind wir hier oben so fertig mit der Welt, dass man uns ein halbes Dutzend Flenntermine anbietet: „5 kaufen, 1 gratis!“?! Das mag ich ja gar nicht glauben.
Wenn es im Februar gewesen wäre oder im November, den klassischen Melancholiemonaten. Da hätte ich noch nachvollziehen können, dass man mal einen neuen „Saisonartikel“ ins Programm nimmt. Aber im Mai?
Außerdem finde ich die Aktion dann doch nicht konsequent zu Ende geführt: Im ganzen Prospekt habe ich kein Angebot für Jammerlappen gefunden, mit denen man die Ergebnisse halbdutzendfacher Heulveranstaltungen eindämmen kann.
Das gibt Punktabzug (bzw. im Falle dieser Handelskette ,-abzug).