Monatsarchiv für Juni 2007

„An Gleis 39 wird für Sie bereitgestellt …“

Samstag, den 23. Juni 2007

Sie ist im sonnigen Kalifornien gelandet – die Raumfähre „Atlantis“. Mit ihr sind auch sieben Astronauten wieder sicher auf die Erde zurückgekehrt. Meine Begeisterung für dieses Unterfangen hat weniger mit den technischen oder menschlichen Leistungen zu tun. Mich entzückt in diesem Zusammenhang vielmehr die deutsche Sprache.
Wo auch immer etwas in den Weltraum befördert wird, geschieht das im Amerikanischen meistens von einem „Space Center“ aus. Erst bei der Synonymejagd für längere Artikel taucht auch schon mal „Space Station“ auf.
Im Deutschen heißt es seltener „Raumfahrtzentrum“. Wir haben meist die Direktübersetzung in „Weltraumbahnhof“. Was mich gedanklich stolpern lässt: „Bahn“?! In meinem Kopfkino sehe ich förmlich einen Regionalexpress mit dem relativ nahen Ziel „Mond“ bzw. bei Flügen zum Mars einen IPE (Inter-Planet-Express) vor mir – und zum Saturn gibt es eine Ringlinie.
“Weltraumbahnhof“ klingt einerseits galaktisch modern (ohne protzig zu sein) und andererseits beruhigend vertraut (nein, nicht nur wegen der häufigen Verspätungen beim Start …).
Frage am Rande: Gilt meine Bahncard auch im IPE?!

“Antworten auf ALLE Ihre Fragen …”

Mittwoch, den 20. Juni 2007

Genau so steht es in der Betreffzeile, eines Newsletters, den ich gestern erhielt. Nun wissen wir ja seit Douglas Adams, dass die ultimative Antwort „42“ ist, aber bis zur Antwort auf die letzte aller Fragen gibt es natürlich noch so einige andere Fragen, die ihrer Beantwortung harren. Deshalb habe ich gleich neugierig nachgeguckt, wie ich an diese Antworten herankommen kann.
Leider gibt es im Newsletter dann gleich die Einschränkung „Gute Fragen? Hilfreiche Antworten!“ – pffft, von „gut“ steht nichts in der Betreffzeile und „gut“ nach welchen Maßstäben?
FrageDa wird zum Beispiel die Frage gestellt „Wie heißt der Flughafen von Lissabon?“. Eine Frage, die man umgehend und kompetent beantwortet bekommt, wenn man „Flughafen Lissabon“ bei seiner Lieblingssuchmaschine eingibt.
Anscheinend geht es doch eher nach dem Motto „Jede Frage ist eine gute Frage.“ – womit man dann ja auch wieder völlig eins mit der Betreffzeile des Newsletters ist.
Neben der Lösungssuche zum drängenden Problem, weshalb einem der Bus immer vor der Nase wegfährt, wird auch gefragt „Welche Defizite hat unsere Demokratie?“. Also eine bunte Mischung. Ich werde mal die Antworten auf ihren Unterhaltungs- bzw. Nährwert durchstöbern (ich liebe Antworten, die beides haben).
Da ich meist eine schnelle Antwort auf eine Frage haben will, hat sich allerdings mein System des direkten Weges bewährt. Dieses System führt dazu, dass ich häufig Familie und Freunde zu Rate ziehe und mich dabei ab und an auch bis auf die Knochen blamiere („Weshalb haben wir dich eigentlich so lange zur Schule geschickt? Du bist doch auch hingegangen, oder?“). Nichtsdestotrotz hat es sich als sehr brauchbar erwiesen. Wie sonst bekommt man schnellstens lebensnahe Antworten auf oberwichtige Fragen wie
„Muss der Deckel beim Kochen von Blumenkohl auf den Topf oder nicht?“ oder
„Was muss ich tun, damit mein W-LAN-Anschluss nicht von anderen genutzt werden kann?“ oder
„Gibt es irgendwie so ein Schnuppelstück, mit dem man den dicken Wasserauslauf der Badarmatur mit dem schmalen Duschschlauch verbinden kann?“ usw. Die Problemlöser werden mir dann noch mit herzerfrischender Spöttelei serviert. Köstlich. – Welches Forum kann da schon mithalten?!

Kartenwechsel = Sortenwechsel ?!

Sonntag, den 17. Juni 2007

KartenwechselGestern kam ein Umschlag mit einer neuen Plastikkarte. Offenbar ist mit dem Ablaufdatum der alten Karte auch mein Leben als „Frau H. aus H.“ abgelaufen, denn ich wurde sowohl im Adressfeld als auch in der Anrede mit „Herr H. aus H.“ angesprochen. Erfreulicherweise darf ich meinen Vornamen Susanne weiterführen. Was die Kombination allerdings noch skurriler wirken lässt. Erinnert ein bisschen an die Textzeile in dem Song von Johnny Cash „Boy named Sue …“

Es ist aber schon toll, wie sich das Leben mit Plastikkarten verändert – von meiner Krankenkasse bekam ich zweimal hintereinander eine Karte mit einem falschen Geburtsdatum. Die Kasse ist klasse: Sie wirkte wie ein Jungbrunnen, denn ich war jedes Mal um Jahre jünger geworden. Ich bedankte mich für diese Ehre und fragte, ob ich eine eidesstattliche Erklärung meiner Mutter beibringen müsse, damit man mir mein tatsächliches Alter glaubte. Die nächste Karte war dann auch ohne mütterliches Dokument korrekt datiert.

Wort-Schatz

Donnerstag, den 14. Juni 2007

Als Buchstabenfreundin habe ich natürlich eine besondere Vorliebe für Wörter (und Worte). Deshalb trifft es mich sehr, dass etliche meiner Freunde im Alltag immer seltener auftauchen.
Glücklich können sich Wörter schätzen, die eine Art Metamorphose durchmachen und, in ihrer Bedeutung so gut wie unverändert, weiterleben: So ein Tapetenwechsel ist doch toll.
Schlimm trifft es aber die, die in eine schwere Sinnkrise geraten, weil das, was sie bezeichnen, heute keine Rolle mehr spielt. Einige wiederum kommen einfach nicht ans Tageslicht, weil andere schneller parat sind.
Es gibt aber ein Refugium für bedrohte Wörter: Die Website www.bedrohte-woerter.de. Hier werden die ehemaligen „Helden“ unserer Sprache liebevoll betreut und vor dem Vergessen bewahrt – bspw. durch den vor ein paar Tagen entschiedenen Wettbewerb um „Das bedrohte Wort“ (nee, ich verrate hier nicht, wer der Gewinner ist – selber gucken).
TataturIch habe in der Liste der Wettbewerbsteilnehmer etliche entdeckt, die ich durchaus noch häufiger einsetze. Es waren aber auch viele dabei, die ich schon lange nicht mehr verwendet habe. Dabei ist es doch ganz einfach – sie sind schließlich in meinem Kopf. Ich muss ihnen nur den Weg zu Tastatur und Stift zeigen, schon sind sie sichtbar.
Habe mir vorgenommen, meinen Wortschatz gründlicher zu durchsuchen und nicht immer nur das zu nehmen, was gerade obenauf liegt.

Un-Limette-d Edition

Montag, den 11. Juni 2007

LimetteWas ist klein und grün? Nein, es ist kein Frosch. ES ist die Limette.
Sie ist für mich derzeit das augenfälligste Beispiel für Alltagsdurchdringung:
Sie steht mit mir unter der Dusche, schäumt in meinen Haaren und duftet als Körperspray an mir herum. Zum Frühstück gibt es Toastbrot mit Marmelade (natürlich mit Limettenstückchen). Als kleinen Snack am Vormittag esse ich einen Joghurt mit … Limette.
In Form von Schokolade mit Limettenfüllung schleicht sie sich als Süßware in meinen Einkaufskorb. Für Schokoladenabstinente hat sie es sich bereits im Eis bequem gemacht.
Und am Abend hat sie ihren ganz großen Auftritt als zentraler Bestandteil einer Caipirinha. Das nenne ich ein eifriges Früchtchen.
Die Zitrone hat Jahre gebraucht, um sich aus dem Putzschrank in den Kühlschrank vorzuarbeiten. Und unter die Dusche, an unseren Körper hat sie es nie richtig geschafft. Zu sehr ist der Gedanke an sie mit ihren Leistungen als putzteuflisches Helferlein verknüpft.
Die Limette hat ihren Einstieg ins Show-Business anders angefangen: Sie kam luxuriös als Praliné vorgefahren. Das wertet ihre neuen „Kleider“, so profan sie auch sein mögen, auf. Sie kann es sich sogar leisten, im Geschirrspülmittel aufzutreten.
Die Zitrone ist das Arbeitstier, sie regiert in Haushaltsreiniger, WC-Reiniger, Scheuermilch usw. – das führt dazu, dass ihren neuen Produkten irgendwie das Außergewöhnliche, die Exklusivität fehlt. Sie wird es wohl nie bis ganz nach oben schaffen.
Ich bin gespannt, wie lange die Limette sich noch an der Spitze hält und in welchen Neuheiten sie aufwartet. Aber irgendwann wird sie wohl völlig ausgequetscht sein, während uns die Zitrone als treue Seele erhalten bleibt.

Nutztiere im Büro

Mittwoch, den 6. Juni 2007

leinenfrosch.jpgDie Evolution hat der Bürowelt interessante Tierarten beschert. Der Saurier unter den Bürotieren dürfte wohl der Leinenfrosch sein. Sein Biotop ist die Hängeregistratur. Genauer gesagt, die „Hängetasche für ungelochtes Schriftgut, seitlich mit Leinenfröschen verschlossen.“.
Eingefleischte Büro-Dreikämpfer (Disziplinen Knicken, Lochen, Abheften) bringen diesem Tierchen nur wenig Sympathie entgegen, denn wo es auftritt, ist die Ordnung in Gefahr: Blätter, Materialmuster, Datenträger – alles wird meist ohne Rücksicht auf Chronologie, Sinn & Verstand in der Hängemappe gesammelt.
Mit dem Frosch geht das, der macht dicke Backen und schon bleibt alles in der Mappe, nichts fällt seitlich heraus oder verhakt sich im Schreibtischauszug – was bei froschfreien Hängemappen ständig passiert. Sie arbeiten nur mit A4-Blättern gut zusammen. Sowie es um kleinteiliges Verwahrgut geht, ist es vorbei mit ihrer Kooperationsbereitschaft.
Aufgrund ihrer eher laxen Einstellung zur Ordnung wird die Mappe mit Leinenfröschen nach Abschluss eines Jobs geleert: Entbehrliches wird entsorgt, Unentbehrliches sortiert abgelegt (naja, meistens / oft / manchmal / schon mal vorgekommen – Nichtzutreffendes bitte streichen). Schnell noch die Beschriftung des Mappenreiterchens gewechselt und der nächste Job kann einziehen.
Dank seiner Stressresistenz kann der Leinenfrosch in seinem langen Leben eine Menge Jobs kennen lernen. Es geht das Gerücht, dass es Büros gibt, in denen Leinenfrösche werkeln, die mehr Dienstjahre auf dem Buckel haben, als irgendein Mitarbeiter.
Viele hatten mit Einzug des Computers gedacht, dass der Leinenfrosch durch die Entwicklung zum papierfreien Büro zum Aussterben verurteilt ist. Meine Recherchen (völlig unrepräsentativ und frei von jeglichem wissenschaftlichen Anspruch) haben aber ergeben: Das papierfreie Büro ist noch Lichtjahre entfernt. Unserem Leinenfrosch geht es besser denn je. Er verrichtet seine geschätzten Dienste nicht mehr nur an eintönig braunpappigen Mappen, die in bürograuen Registraturen klemmen. Nein, er treibt es richtig bunt. Sowohl die Mappen, als auch die Aufbewahrungsorte leben im Farbrausch. Möge uns der kleine Bürosaurier noch lange erhalten bleiben.
Weshalb der Leinenfrosch, Leinenfrosch heißt, habe ich noch nicht herausgefunden. Klar, er kann dicke Backen machen, wie sein natürliches Froschpendant, das kann ein echter Hamster aber auch. Und der stopft sie sich sogar noch proppvoll. Anders als ein Frosch. Aber vielleicht ist es eine reine Klangsache: Leinenfrosch hört sich irgendwie besser an als Leinenhamster.

Vorbei mit der Mohn-otonie

Montag, den 4. Juni 2007

Ich esse von Brötchen am liebsten die Unterteile, zumindest wenn sie als halbes Brötchen erscheinen. Bei Klappbrötchen bin ich nicht so wählerisch.
Frühstücksmäßig führe ich also das Leben eines Eigenbrötlers. „Du willst wirklich das Oberteil gegen das Unterteil tauschen?“ Zusammen mit dieser Frage bekomme ich von meinen Mitfrühstückern immer einen Blick zugeworfen, als hätte ich meinen Tauschwunsch in einem Bekleidungsgeschäft vorgetragen und anscheinend beschlossen, fortan den Pullover als Hose zu tragen.
Ihr Befremden hindert Tausch-Neulinge nicht daran, mir ein dünnes Brötchen-Unterteil zu geben, um dann mein noch mit fluffiger „Brötchenseele“ gefülltes Oberteil in Empfang zu nehmen. Familie und Freunde schneiden ihre Brötchen gerechter durch! Den Anfängern muss ich auch noch erklären, weshalb ich lieber die unbemohnte, unbekürbiskernte oder sonst wie unbestreuselte untere Hälfte esse, als die üppig garnierte obere.
Es hat nichts mit der Garnitur zu tun, es ist eine Frage der Stabilität:
Unterteile liegen flach auf dem Teller, aufgestrichener Honig bleibt gleichmäßig verteilt, selbst wenn ich das Brötchen nicht umgehend einsauge. Oberteile schaukeln, sind ewig schief. Erst eiern sie beim Bestreichen rum, dann läuft alles unterhalb der Konsistenz von Leberwurst in irgendeine Ecke. Doof.
Und dann noch das Abbbeißen: Das Standardbrötchen hat ja so eine hübsche Kerbe in der Mitte. Manchmal ist sie aber so tief, dass die beiden Hälften der Hälfte (also insgesamt zwei Viertel, wenn ich richtig gerechnet habe) im Moment des Zubeißens zusammenklappen. Auch doof.
Das mir Unangenehme ist also nicht die Bestreuselung des Brötchens. DIE hätte ich auch sehr gerne. Ich verzichte lediglich aufgrund der o.g. „Konstruktionsmängel“ auf diese leckeren Zutaten. Nun haben viele Bäcker angefangen, Kerne auch in den Teig einzurühren, ich bekomme also zumindest eine verweichlichte Körner-Anmutung – leider ohne den leckeren Knusperbackgeschmack, aber immerhin. Nur: Bei meinen Lieblingsbrötchen (Mohn) macht das keiner!
Aber seit kurzem weiß ich, wo auch Sonderlinge wie ich berücksichtigt werden. Ich habe hier in Hannover eine Bäckerei (mit mehreren Filialen) entdeckt, bei der es rundum bemohnte Brötchen gibt. Hurra! Vorbei die Zeiten des Verzichts. Wenn Mohn, dann Vollmohn.

Betreuungsgeld … für meine Balkonbepflanzung

Freitag, den 1. Juni 2007

Auf meinem Radiolieblingskultursender kam heute Morgen mal wieder der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky zu Wort. Thema war die derzeit schwerst diskutierte Einführung eines Betreuungsgeldes für Eltern – der finanzielle Ausgleich für Eltern, die ihre Sprösslinge nicht in den Kindergarten geben, sondern lieber zu Hause betreuen wollen.
Ich bin keine Neuköllnerin, ja nicht mal Berlinerin, schätze aber die Statements, die ich von Herrn Buschkowsky schon gehört habe, sehr. Der Mann hat einen realistischen Blick aufs Geschehen und sagt Dinge so, wie sie sind. Ohne politische Verbrämungsfloskeln, mit denen einem sonst die Gehörgänge vermüllt werden.
Herr B. sagte unter anderem (sinngemäß), dass in Berlin jedes zweite Kind Sprachprobleme hat und es doch eher kontraproduktiv für die Sprachentwicklung wäre, wenn Eltern das Kindergartenangebot nicht nutzten. Und weshalb sollte jemand Geld dafür bekommen, dass er ein Angebot, das ihm die Gesellschaft macht, nicht nutzt?! Die Frage hatte sich mir auch schon gestellt. Nett, dass auch jemand anderes drüber grübelt.

Ich habe beschlossen, für den Fall, dass das Betreuungsgeld kommt, werde ich hier in Hannover erstmal einen Antrag auf Bezuschussung meiner Balkonbepflanzung stellen. Was ich hier an Parkanlagen alles nicht nutze (aus Zeitgründen – ich hoffe, das Argument mindert meine Anspruchsberechtigung nicht), da kann die Stadt froh sein, dass mein Balkon so klein ist! Außerdem könnte man vielleicht auch einen Zuschuss zu einem winzigen Teich gewähren? Die Badeteiche, in denen ich nicht rumdümpele, sind so was von zahlreich. Museen besuche ich schon ganz gern, aber so ein nettes kleines Exponat müsste für diverse Nicht-Besuche noch rausspringen. Nur bitte nicht den Roten Franz, der braucht zuviel Platz auf meinem Sofa.
Mal überlegen, für welche Nicht-Nutzungen ich denn noch „Entschädigung“ beantragen kann …