Monatsarchiv für Juli 2007

Leinen los …

Sonntag, den 15. Juli 2007

Bügel-Enthusiasten und Menschen, deren Kleidung fremdgeglättet wird (die Glücklichen!), greifen ohne Bedenken ganzjährig zum Leinenstöffchen, alle anderen meist nur in der warmen Jahreszeit, wenn man gern etwas Kühles auf der Haut hat.
Denn: Leinen lässt sich nur unter massivem Körpereinsatz faltenfrei bekommen. Und kaum hat man das mühsamst planierte Kleidungsstück angezogen, sieht das undankbare Teil aus, als hätte es sein Lebtag noch nie unter einem Bügeleisen gelegen!
Dann kommt von irgendjemandem der unvermeidliche und auch nicht wirklich tröstende Satz, der für mich aber DAS Beispiel für erstklassiges Marketing ist: „Leinen knittert edel.“
Wem auch immer dieser Spruch zuerst in den Sinn und dann über die Lippen kam, sie/er hat es geschafft, denn mit diesem Satz wird einem ein absoluter Produktnachteil auch noch als besonderes Qualitätsmerkmal verkauft!
Verblüffend. Noch verblüffender finde ich aber das beifällige Nicken sogar von Leuten, die sonst unter die Rubrik „kritische Konsumenten, nicht veräppelbar“ fallen.
Das muss man erstmal toppen …

“Märchenhaftes” aus Berlin

Samstag, den 7. Juli 2007

Es war einmal (und ist auch noch) eine Deutsche Rentenversicherung, die beglückt einmal im Jahr das von ihr liebevoll umsorgte Volk mit einem wunderbaren Brief.
Überschrieben ist dieser Brief mit „Ihre Renteninformation“. Der interessierte Leser erhält hier in übersichtlicher Form die Grundlagen der Rentenberechnung aufgeschlüsselt – z.B. wie sich die so genannten Entgeltpunkte errechnen, die die Basis bilden für die spätere Umsetzung in bare Münze. Als kleinen Ansporn erfährt man auch, wie viel der Durchschnittsversicherte verdient.
Schwarz auf weiß steht dort, in welcher Höhe Beiträge auf dem Rentenkonto eingegangen sind (groooße Zahl) und mit welcher Rente man nach heutigem Kontostand rechnen kann (kleiiiine Zahl). Außerdem wird errechnet, wie sich die Rente entwickeln wird, wenn man weiterhin Beiträge im Durchschnitt der letzten fünf Jahre einzahlt (mittelgroße Zahl).
Meine Lieblingsstelle in der Geschichte ist aber das Kapitel „Rentenanpassung“. Dort heißt es „Aufgrund zukünftiger Rentenanpassungen kann die errechnete Rente in Höhe von XYZ tatsächlich höher ausfallen.“ – der Leser wird in freudige Erwartung versetzt. Der Dämpfer kommt jedoch gleich in der nächsten Passage „Allerdings können auch wir die Entwicklung nicht vorhersehen. Deshalb haben wir – ohne Berücksichtigung des Kaufkraftverlustes – zwei mögliche Varianten für Sie gerechnet.“ Die Spannung im Publikum wird quasi greifbar, und richtig, jetzt kommt das wirklich Märchenhafte: „Beträgt der jährliche Anpassungssatz 1%, so ergäbe sich eine monatliche Rente von etwa XYZ. Bei einem jährlichen Anpassungssatz von 2% ergäbe sich …“ Aus mir unbekannten Gründen hört der Brief nicht mit dem Märchenklassiker auf „… leben Sie glücklich bis ans Ende Ihrer Tage!“.
Seit Jahren geht das nun schon so mit „wir haben zwei mögliche Varianten für Sie gerechnet.“ Eigentlich wäre es doch in diesem Jahr eher an der Zeit gewesen, rein zu schreiben „Seit drei Jahren gab es keine Rentenerhöhung, aber in diesem Jahr überhäufen wir die Rentner mit sage und schreibe 0,54% mehr an Rente. Für Ihre zukünftige Rente bedeutet das die exorbitante Erhöhung um XYZ.“ (winzige Zahl). Ich erwarte ja nicht einmal, dass in diesem Brief drinsteht, dass den Rentnern die Erhöhung durch diverse Tricks und Kniffe von anderer Seite mehr als wieder abgeknöpft wird. Aber vor dem Hintergrund der tatsächlichen Rentenentwicklung sollte die Deutsche Rentenversicherung diese absolut illusorische Schönrechnerei einfach weglassen. Ich empfinde es mittlerweile als niederschmetternd, was man in Berlin von meiner Intelligenz hält.
Von meinen Eltern habe ich übrigens erfahren, dass sie – unabhängig von der tatsächlichen Minusentwicklung – ein Fass aufmachen und die Rentenerhöhung mit einer zünftigen Party feiern werden. Allein die Tatsache, dass nach drei Jahren keine Nullrunde gefahren wurde, hat sie schlichtweg überwältigt und sie wollen dem „Gott“ der Rentenerhöhung ein Trankopfer darbieten. Na, dann man Prost!

Winziggroß oder riesigklein

Sonntag, den 1. Juli 2007

DownunderMein Fernsehgerät ist ungefähr 11 Jahre alt. Eine dicke schwarze Kiste mit einem einzigen Lautsprecher. Die Bildschirmdiagonale beträgt 53 cm – das wurde damals noch in Zentimetern gemessen, nach der Bildschirmmessungsreform schreibt man jetzt aber wohl besser 21 Zoll.
Technikfreunde, die behutsam versucht haben, mir den Erwerb eines der neuen hyperflachen Geräte nahe zu bringen, lassen meist von diesem Unterfangen ab, wenn sie meine Antwort-Frage hören: „Bekomme ich mit einem tollen Fernseher auch ein besseres Programm? Oder soll die neue bild- und tontechnische Brillanz einfach nur über die alten inhaltlichen Schwächen hinweghelfen … zu einem flachen Programm gehört auch ein flacher Bildschirm?“
Wobei mich das schnell noch vorgebrachte Argument „Für DVDs ist so ein neues Gerät aber wirklich spitzenmäßig! Diese Bildbrillanz – unglaublich!“ doch trifft, denn es stimmt ja schon. Und ich weiß, dass mein Kasten da schwächelt. Dabei liebe ich es, DVDs anzusehen – nicht nur, weil ich hier über die Inhalte selbst entscheiden kann, ich kann auch über Pausenzeiten bestimmen (ich brauche garantiert keine 3 Stück pro Stunde und 2 Minuten vor Schluss sind sie auch absolut entbehrlich)!
Eine besonders ungeliebte Hausarbeit könnte ich bspw. gar nicht erledigen ohne Puschenkino: Bügeln. Ich könnte meine Sachen eher ohne Bügeleisen glätten, aber ganz bestimmt nicht ohne Fernseher.
Andererseits habe ich nur ein kleines Wohnzimmer und einen Fernseh-Bildschirm mit Ausmaßen, die der Tischplattengröße meines Schreibtischs entsprechen, fände ich eindeutig zu dominierend. Egal, wie platt und brillant besagter Fernseher ist.
Und überhaupt: Das Argument der erstklassigen Bildqualität wird von vielen seiner eigenen Erbringer torpediert und erfolgreich versenkt, wenn sie mir voller Stolz ihr Handy vorführen, mit dem man natürlich auch bewegte Bilder sehen kann: Bei ihrem Mobilfon-Screen spielt es keine Rolle, dass die dort herumhuschenden menschlichen Kleinstlebewesen im wahren Leben ca. 175 cm groß sind – die Telefoneigentümer schwärmen auch hier von der Brillanz.
Unerklärlicherweise müssen die Bildschirmlinge aber, sowie es um ein Wohnzimmer geht, eine Bühne bekommen, auf der sie mindestens im Maßstab 1:3 auftreten können, um brillant zu sein.