Monatsarchiv für August 2007

Hannover und das gesunde Leben

Montag, den 27. August 2007

Ich bin begeisterte Hannoveranerin – das mag vielleicht nicht immer so gefühlsgewaltig rüberkommen, aber die meisten Hannoveraner, die ich kenne, pflegen im Ausdruck ihrer Emotionen auch eher eine zurückhaltendere Art und Weise, als man sie vielleicht aus anderen Gegenden dieser Republik kennt.
Für Auswärtige und andere Nicht-Kundige: Wenn wir bei einem Konzert rhythmisch mit dem Fuß wippen, stehen wir innerlich quasi begeisternd jubelnd auf den Stühlen. Kommt noch ein angedeutetes Hüftschwingen dazu, sind wir tief in unserem Innersten der Ekstase nahe.
Auch bei umgekehrter Gefühlslage neigen wir hier nicht gleich zu vulkanartigen Gefühlausbrüchen.
Ich kann aber versichern, dass ich letzte Woche reichlich empört war: Mittwoch konnte ich in meiner Tageszeitung lesen, dass Hannover nach der Studie „Wo ist Deutschland am gesündesten“ der Zeitschrift „healthy living“ (ja, das gute alte deutsche „healthy living“) nur im Mittelfeld landet (Platz 54 in einer Reihe von 81). Das ist zwar nicht doll, aber noch kein Grund für eine ausgewachsene Empörung. Die kam erst, nachdem ich gelesen hatte, was denn zu dieser Bewertung führte. So richtig reingerissen wurden wir u.a. in den Positionen „Freizeit und Beziehungen“, „Medizinische Versorgung“ und „Umwelt, wohnen und Erholung“ – mehr als die Schulnote 5 war da nicht drin.
Und so eine miese Bewertung mag ich nicht glauben, wenn es um „meine“ Stadt geht. Von offizieller Seite wurden auch umgehend mehr als geringe Zweifel an der Aussagekraft der zugrunde liegenden Werte angemeldet.
Im Freundeskreis (auch alles eingefleischte H-Fans) wurde natürlich gegrübelt, wie es zu diesen Bewertungen kommen konnte. War es womöglich durch versehentliches Zeilen- und Spaltenhopsen zu einer Art „Kreuzbewertung“ gekommen? Wir konnten uns das Ergebnis der Studie nur so erklären.
Eine derartige Vermengung der Parameter zur medizinischen Versorgung mit bspw. denen der Grünflächenausstattung kann dann ratzfatz zu einer absoluten orthopädischen Unterversorgung in den Herrenhäuser Gärten führen. Auch die Eilenriede ist sicherlich nicht gerade ein Zentrum für zahnärztliche Behandlungen, von den geringen Fällen augenärztlicher Untersuchungen am Maschsee ganz zu schweigen.
Bei solch einer Auswertung wird es dann aber auch niemanden wundern, dass der Freizeitwert der städtischen Krankenhäuser nicht sonderlich üppig ist.

Wie so oft zeigt sich, dass an der Winston Churchill zugeschriebenen Aussage „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ doch was dran ist. Naja, muss ja nicht „gefälscht“ sein, „interpretiert“ reicht auch …
Und schon hat mich die hannöversche Gelassenheit wieder.

Früher Vogel … hängt vorm Bildschirm?!

Dienstag, den 14. August 2007

Das Thema “fernsehen” beschäftigt mich schon wieder:
Ich bin ja nicht mehr so furchtbar dicht an der Jugend – weder an meiner eigenen noch an der anderer. Deshalb bin ich auch nicht mehr so vertraut mit den Fernsehgewohnheiten junger Menschen. Was sehen sie zu welcher Zeit?!
Als ich am Samstag in meiner Fernsehzeitung stöberte, war ich jedenfalls nicht schlecht erstaunt, als ich im Ersten einen Film mit dem Titel „Mein Freund Joe“ entdeckte. Eine Geschichte um 12-jährige Kinder, ausgewiesen als „Jugendabenteuer, FSK: 6 Jahre“ – nein, das alles hat mich noch nicht überrascht, die Sendezeit war es, die mich stutzen ließ: 2:35 Uhr.
Ich weiß, es war ein Samstag (bzw. ein extrem früher Sonntag) und außerdem ist Ferienzeit – aber haben sich die Wachzeiten von Kindern bereits derart verlagert? Beunruhigt hat mich auch die Vorstellung, dass die sensiblen Seelen fernsehmäßig auf dem Wege zu „ihrem“ Programm noch Western und Actionfilmen mit FSK: 16 ausgesetzt waren – oder auch „Straße der Lieder“ …
Vielleicht ist aber mittlerweile die Zeit, zu der diese Sendungen liefen, die aktuelle Schlafenszeit der Heranwachsenden? Gibt es womöglich eine präpubertäre Bettflucht? Treffen sich nachtaktive Großeltern und Enkelkinder vor dem Puschenkino? Haben wir es mit einer Generationen übergreifenden Verschiebung des Wachrhythmus’ zu tun?
Am Montag las ich dann im druckfrischen Spiegel einen Artikel über die Programmplanung des ZDF: Ab 2008 will man mittwochs die „… Unterhaltungsstrecke ab 20:15 Uhr ausdehnen, um so junges Publikum zu erreichen …“.
Die ARD hat dieses Vorgehen kritisiert, da man wohl den Verlust von Marktanteilen befürchtet. War die Ausstrahlung eines Jugendabenteuers um 2:35 ein Test, um die eigene Programmgestaltung zu überprüfen und herauszufinden, ob die Quote bei jugendlichen Zuschauern durch Verlagerung der Sendetermine in die Nacht gesteigert werden kann?! Fragen über Fragen.
Und alles nur, weil ich wissen wollte, ob am Samstag ein sehenswerter Film kommt …

Ganz Deutschland fiebert mit …

Dienstag, den 7. August 2007

Wenn man der Werbung eines privaten Fernsehsenders glauben darf, lebt diese Republik in einem erwartungsvollen Fieberwahn. Der Erreger des angeblichen Fiebers soll eine Sendung namens „Gülcans Traumhochzeit“ sein: Kriegen sie sich, kriegen sie sich vorher in die Haare, lassen sie es dann doch bleiben? „Sie“ sind ein junges Pärchen, deren vom Sender kommunizierte Wichtigkeit sich nur „Prominenz“-ignoranten Menschen wie mir nicht erschließt. Denn: Nach der inbrünstigen Vortragsweise in der Eigenwerbung, gibt es für die Bewohner dieses Landes anscheinend nichts, was es auch nur annähernd an Wichtigkeit mit besagter Verehelichung auf sich nehmen kann.
Mein Wissen speist sich aus der in o.g. Werbetrailern abgespulten abgespielten Kollektion an Bild- und Tondokumenten. Und die hat mich nun wirklich nicht in fiebrige Erwartung versetzt (es sei denn, dass meine Hoffnung auf ein möglichst schnelles Vorüberziehen der Einblendung auch zählt). Und damit sind wir bei meinem eigentlichen Problem, der unberechtigten Vereinnahmung meiner Person: „Ganz Deutschland fiebert mit …“ Frei nach „Asterix & Obelix“ kann ich da nur sagen „Ganz Deutschland?“
NEIN, nicht ganz Deutschland fieberwahnt in diesem Zusammenhang vor sich hin. Nach einer Umfrage im Kreise meiner Lieben kann ich versichern, dass keiner der Befragten auch nur eine im Zehntelbereich befindliche Temperaturerhöhung „erlitten“ hat, vor lauter Anspannung, das Finale dieser Doku zu sehen. Um genau zu sein: Die meisten wussten nicht mal, wovon ich spreche. Die waren offenbar nicht mal in die Nähe des Fiebererzeugers gekommen!
Ich würde es also begrüßen, wenn alle Fernseh- und Radiosender, sowie sonstige Meinungsbildner, künftig die vermutlich aus diffusen Allmachtsfantasien genährten Formulierungen „Ganz Deutschland/Niedersachsen/Hannover …“ mit dem Zusatz „Mit Ausnahme von Frau H. aus H. … (und ggf. weiteren Ausnahmen)“ versehen. Es sei denn, man hat tatsächlich die Zustimmung von allen „ganz Irgendwo“-Bewohnern. Was mir im Zusammenhang mit Sendungen in der Art der o.g. Dokureihe doch eher unwahrscheinlich erscheint.