Monatsarchiv für Oktober 2007

„Namen sind Schall und Rauch“

Dienstag, den 23. Oktober 2007

… und „In Zukunft kann jeder Mensch für 15 Minuten Berühmtheit erlangen.“ – das erste Zitat stammt von Goethe, das zweite wird Andy Warhol zugeschrieben. Und beide kamen mir in den Sinn, als ich den Newsletter einer großen Kaffeerösterei las.

HeldensagenDort gibt es das Angebot, Romane personalisieren zu lassen. Nein, nicht einfach vorne den Namen des Eigentümers eindrucken, das wäre ja völlig unspektakulär. Das Angebot ist, dass ich selbst (oder jemand, den ich buchstäblich verewigt sehen möchte), der Protagonist eines Buches werden kann. Und so einfach geht es: Aus drei Büchern (Liebesroman, Krimi und ein Jugendbuch über einen – oh, Wunder – zaubernden Jungen) einfach das gewünschte auswählen, einen „Personalbogen“ ausfüllen mit Namen, Aussehen usw. – Fertig. Abschicken und schon wird man zum Helden.

Ist das eine logische Weiterentwicklung der unsäglichen „Deutschland sucht …“- und „Germany’s next Irgendwas“-Shows? Wer es dort nicht schafft, auf seine 15 Minuten Berühmtheit zu kommen, wird dann im Buch ein Star. Auch wenn letztlich doch nur das eigene Bücherregal oder der wackelnde Tisch davon erfährt.
Ich fände es nett, wenn jedem Castingteilnehmer zugesichert würde, dass er ein personalisiertes Buch bekommt, wenn er nicht gewählt wird. Damit würden womöglich teure Psychotherapien für die seelische Wiederaufrichtung der vorzeitig aus den Shows Gekickten entfallen (mit dem Begriff „vorzeitig“ bin ich in diesem Zusammenhang nicht ganz glücklich, ich halte es für zu spät – egal, zu welchem Zeitpunkt).
Außerdem käme niemand auf die Idee, ein Format wie „Deutschland sucht den am schnellsten aus einer Castingshow Geworfenen“ o.ä. zu kreieren. Ich bin sicher, dass viele Fernsehinteressierte sogar Buch-Patenschaften übernähmen, wenn damit sicher gestellt wäre, dass man von derartigen Shows verschont bliebe und mal wieder etwas mit mehr Substanz ins Programm käme. 19,99 EUR sollten einem da wirklich nicht zu viel sein.

Im weiteren Zuge der Individualisierung wäre dann natürlich auch die Personalisierung der Schulbücher denkbar. Das erschwert zwar das Unterrichten etwas, aber vielleicht bringt es wieder mehr Kinder ans Lesebuch. Da kann man doch schon mal Zugeständnisse machen.

Letztlich hoffe ich aber, dass diese Form der „Selbstverwirklichung“ nicht dazu führt, dass Autoren per Verzichtserklärung demnächst sämtliche Persönlichkeitsrechte ihrer Darsteller abtreten müssen.

Ich würde ja besonders die kreative Namensgestaltung der Buchautoren vermissen. Ein wunderbares Beispiel für eine ausgesuchte Wahl ist doch Joanne K. Rowling – wie viel Hintersinn und Tiefgang sie im Namen ihrer Darsteller untergebracht hat. Unglaublich!
Einer meiner Lieblinge ist aber nach wie vor der Hauptdarsteller mehrerer Geschichten eines Autors aus einer Schreibgruppe (Siegfried, wenn du das hier liest: Herzliche Grüße!!): „Schabulke“. Das ist doch mal ein Name. Wäre doch wirklich schade, wenn bald nur noch Namen auftauchen, die sich allein aus ihrer statistischen Häufung in der Bevölkerung ergeben.

Vom Kinderspiel zum Automobil

Freitag, den 12. Oktober 2007

Kürzlich fühlte ich mich an meine Kinderzeit erinnert:
Damals gab es Bilderbücher, mit denen man “neue” Tiere kreieren konnte. Der Trick bestand darin, dass alle Buchseiten waagerecht in der Mitte geteilt waren. Die Tiere waren so gezeichnet, dass sie an der Schnittstelle dieselbe Breite hatten. So konnte man schöpferisch tätig werden und bspw. an ein gelb-braunes Giraffenoberteil ein graues Elefantenunterteil blättern. Fertig war der “Gira-fant”.

Naturwissenschaftlich interessierte Kinder haben nach intensiver Lektüre vermutlich früh verkündet, Evolutionsforscher o.ä. werden zu wollen. Andere kleine Menschen haben -unabhängig von ihrem Büchlein- beschlossen, Namenserfinder für Autos zu werden. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist der “TIGUAN” (anscheinend hat das Buch Spätwirkungen).

Ich hatte nur den Namen auf dem Titel der Autozeitung eines Freundes gelesen und blätterte voller Vorfreude zum bebilderten Artikel. Was für eine unglaubliche Enttäuschung … Das Modell hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit einer Kreuzung aus “Tiger” und “Leguan”.

Auch in der Farbgestaltung wurde meine kindheitsgeprägte Erwartungshaltung nicht befriedigt. Nicht einmal annähernd. Oder gibt es die Auskleidung des Kofferraums mit Teppich im Tigerstreifen-Dessin (konnte man auf dem Bild leider nicht sehen)?!

Und versucht mir jetzt nicht unterzujubeln, dass der Tiger in den Tank gepackt wurde … Wo ist denn bitte der Leguan geblieben?

Mein Leben auf der Bohrinsel

Donnerstag, den 11. Oktober 2007

Vor einigen Wochen habe ich unter Schmerzen erfahren, dass die Wohnung über meiner renoviert wird: Als ich morgens im Badezimmer stand und meine Wimpern bepinselte, donnerte direkt über mir eine Schlagbohrmaschine los – ich zuckte zusammen und stach mir die Mascarabürste ins Auge. Für kurze Zeit habe ich im wahrsten Sinne des Wortes schwarz gesehen. Jetzt ahne ich, wo der Spruch „Wer schön sein will, muss leiden.“ herkommt. Ist vermutlich die geheime Parole der Handwerkskammer.

Seit diesem Tag bin ich Ohrenzeugin des Aufschwungs im Bauhandwerk: Ab ca. 7:30 Uhr läuft die Beschallungsmaschinerie an. Die ersten Tage mit ganz viel Rumgebohre und Abgestemme. Diese massiv destruktive Phase scheint aber mittlerweile abgeschlossen – wahrscheinlich weil bis auf die tragenden Wände alles perforiert und rausoperiert worden ist.
Entfernt wurde u.a. auch die Heizung. Was dazu führte, dass ich eine Erscheinung hatte: Ein feuchter Fleck zeigte sich an meiner Wohnzimmerdecke. Ich fürchte, er wird sich nicht zusammen mit den Handwerkern verziehen, sondern sich nur durch Pinselvoodoo vertreiben lassen.

Ich habe schon den Eindruck, als wenn die Renovierung eine leicht okkult angehauchte Veranstaltung ist. Woher z.B. wissen die Handwerker immer so genau, in welchem Zimmer ich mich gerade aufhalte?! Genau dort wird dann, eine Etage höher, rumgekraspelt.

Und fleißig wie die Profibastler sind, nutzen sie selbstverständlich auch noch den 6. Werktag der Woche zur Wohnraumverbesserung: Pünktlich um 7:30 Uhr hörte ich Samstag Kratz- und Schabegeräusche aus dem Zimmer über meinem Schlafzimmer. Als ich nach gut einer halben Stunde entnervt ins Bad zockelte, ging es dort weiter. Ich bin sicher, dass sie ihre Pause genau in der Zeit gemacht haben, die ich beim Bäcker war, denn als ich mich an den Kaffeetisch setzte, lief der „Lärmgenerator“ über meiner Küche an. Wie löblich. Wie nervig. Gegen ca. 17:30 Uhr war wohl jede Diele mit Hunderten von Nägeln an ihren Platz gebracht und mittels einer dröhnenden Schleifmaschine von Dachlattenstärke auf gängige Dielenhöhe geschrummelt worden.

Wie ich im Internet erfahren konnte, darf an allen Werktagen bis 20:00 Uhr die Umgebung akustisch teilhaben an Renovierungen – so gesehen, bin ich eigentlich noch fein weggekommen …

Mund auf, Ohren zu?

Mittwoch, den 10. Oktober 2007

Heute habe ich im Radio gehört, dass der Rat der Stadt Moskau in Erwägung zieht, bei Konzerten Playback zu verbieten. Zumindest bei Veranstaltungen, die von der Kommune mitfinanziert werden, sollen die Künstler nicht nur den Mund auf und zu machen (möglichst lippensynchron zur Bandeinspielung), sondern tatsächlich singen.

Ich stelle mir so was gerade auf westlichen Bühnen vor – und spekuliere, dass eine derartige Regelung einige Künstler in die Bredouille brächte. Vielleicht aber auch nur das Publikum …
Die Fähigkeit, ein Hörerlebnis der Sonderklasse zu bieten (in positivem Sinne!), während man eine Bühnenshow veranstaltet, die einem lauf-, hops- und zappeltechnische Höchstleistungen abverlangt, ist sicherlich nur wenigen Künstlern gegeben.

Angeblich war in Moskau auch überlegt worden, einen Verstoß gegen die Auflage mit Haftstrafe zu belegen. Davon ist man wohl wieder abgerückt. Die Zeit wird zeigen, ob man die Haftstrafe dann doch eher für die, die live singen, verhängen sollte.