Erblassen der anderen Art

31. Oktober 2011

Übergewicht kann man ererben, da man es ja anscheinend auch vererben kann. Zumindest laut einer Videotext-Schlagzeile eines TV-Senders:

Das liest sich, als wenn sich die lieben Ahnen zusammengesetzt und überlegt haben, wie sie dem atmenden Teil der Familie eine Freude machen können. „Was haltet ihr davon, wenn wir der Trude ein paar Pfund vermachen?! Zu Weihnachten freut sie sich bestimmt besonders darüber. Ich fand das ja auch ganz toll, als ich meinen ersten „Schwimmring“ von euch bekam.“

Der Sender bietet auch einen Faxabruf zum Thema an. Ob man dort erfährt, wo und wie man ein derartiges Erbe ausschlagen kann (sollte sich die Freude über ein derartiges Geschenk in Grenzen halten)? Wäre doch nett, einfach die Annahme der Erbschaft zu verweigern, oder?! Da der Abruf kostenpflichtig ist und ich nicht glaube, dass die Informationen tatsächlich etwas Erhellendes im Sinne meiner obigen Überlegungen beinhalten, mache ich ihn aber nicht, sondern gönne mir für das gesparte Geld doch lieber ein kleines Leckerchen.

Zur „Erbmasse“ meiner Familie gehören nämlich sehr ausgeprägte GENießer-Gene und nicht das fertige Übergewicht – dafür muss schon jede/r ggf. selbst sorgen. Ein bisschen Eigenleistung darf ja wohl erwartet werden, außerdem ist es doch auch ganz schön, selbst etwas im Leben zu erreichen …

Das Bedeutungs-Los – nicht immer ein Gewinn

27. August 2011

Heute habe ich in einem Artikel eines meiner Lieblingsjournalisten der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung den Begriff „Mund-zu-Mund-Propaganda“ gelesen. Köstlich. Anscheinend gibt es Ausdrücke, die problemlos die eigene Plausibilitätsprüfung unterlaufen. Sowie man nämlich ein bisschen über sie nachdenkt, fällt einem auf, wie herzerfrischend unsinnig sie sind. Natürlich kann es in diesem speziellen Fall auch ein besonders gelungenes Wortspiel zum “viralen Marketing” sein, auf das im Artikel Bezug genommen wird. Wenn ich es mir recht überlege, halte ich es bei diesem Wortartisten (und der Tatsache, dass die Formulierung mit Gänsefüßchen garniert ist) sogar für mehr als wahrscheinlich.

Diese Raffinesse können aber leider nicht alle Verwender des Begriffes „Mund-zu-Mund-Propaganda“ für sich in Anspruch nehmen. Denn: In den mir bekannten Textvorkommen geht es nicht um Virusverbreitung per Tröpfcheninfektion, sondern um Informationsverbreitung. Somit wäre es treffender eine „Mund-zu-Ohr-Propaganda“. Was aber doch leicht sperrig klingt und erfreulicherweise in der Umgangssprache zur „Mundpropaganda“ zusammengeschnurrt ist.

Ein weiterer semantischer Fehlgriff begegnet mir im Handel häufig zu Schuljahresbeginn oder gegen Ende eines Jahres: die „Schreibtischunterlage“. Mal kommt sie als überdimensionaler Schreibblock mit Abreißblättern daher (mit oder ohne Kalendarium) oder sie ist aus Kunststoff (mit oder ohne Bildmotiv) – egal wie, sie ist entweder eine „Schreibunterlage“ oder eine „Schreibtischauflage“. Eine „Schreibtischunterlage“ kann ein Teppich sein. Oder ich habe meinen Arbeitsplatz seit Jahren irgendwie völlig falsch eingerichtet …

Kein Wischi-Waschi

29. Juni 2011

Es zeichnete sich schon seit einiger Zeit ab, dass sie es nicht mehr lange machen wird. Vor ein paar Tagen war es dann soweit, meine Waschmaschine segnete das Zeitliche. Ein neues Modell zeigte sich zwar schon am Horizont des Wäschekorbes ab, aber die Zeit bis dahin …

Ich suchte nach einem Waschsalon. Meine – zugegebenermaßen viele Jahre alten – Erinnerungen an derartige Etablissements sind nicht besonders positiv. Meist waren es Orte bar jeglichen Wohlfühlanspruches – grelles Neonlicht, Mobiliar, das sich eher an Haltbarkeit denn an Bequemlichkeit orientiert, kurz: Eine Einrichtung, die die Pflegeanleitung „Problemlos mit dem Dampfstrahler zu reinigen“ trägt.

Aber die Zeiten haben sich geändert, zumindest bei den Waschweibern. Hier kann man, während man darauf wartet, dass sich die Wäsche sauber turnt, lecker essen und trinken.

Bei schönem Wetter sitzt man draußen, ansonsten macht man es sich drinnen nett, wirft zwischen Flammkuchen und Latte Macchiato die Wäsche von der „Ria“ in den „Nick“ und lässt es sich gut gehen.

Die diensttuenden Waschmaschinen sind Persönlichkeiten. Jedenfalls tragen sie Namen, wie Esmeralda, Sotiria oder auch Beatrice, Wäsche trocknen ist hier absolute Männerarbeit, die Trockner heißen bspw. Nicolas oder Siegfried. Da kommt ein völlig neues Verbundenheitsgefühl zu den Gerätschaften auf.

Das Publikum ist bunt gemischt, hinter der Theke stehen fröhliche Leute, die Neulingen gern den Umgang mit dem Maschinenpark zeigen und sich schnell um das Bestellte kümmern.

Und sonntags ab 20:15 Uhr – wenn alle Waschmaschinen und Trockner schon schlafen – wird gemeinsam „Tatort“ geguckt. Dann ist die Zeit der weißen Westen vorbei …

Herzlich willkommen in der Messestadt Hamoover

30. April 2011

Kürzlich war ich mal wieder per Bahn unterwegs. Die Fahrt war herzerfrischend ereignislos: Kein Wildunfall, bei dem das arme Tier noch die Druckluftschläuche für die Bremsen außer Gefecht setzt, sodass langes Warten (gefühlt eine Ewigkeit) auf einen Ersatzzug folgt, der Zug war nicht übervoll und nicht verspätet, die Klimaanlage klimatisierte ordnungsgemäß, die Mitfahrenden zeigten sich schweigsam bis fröhlich – kurz, es war ausgesprochen angenehm, durch die Lande kutschiert zu werden. Als ich schon dachte, dieses Wohlbefinden ist (zumindest bei einer Bahnreise) kaum noch zu steigern, hielten wir an einem Bahnhof (Name ist der Autorin bekannt) und auf der Zuganzeige stand folgendes Fahrtziel:

Ab maach Hauwwe!

Aha. Also, entweder war dem zuständigen Reiseziel-in-Zugzielanzeige-Eintipper der Ort von jemandem genannt worden, dessen Zähne anscheinend noch im Stand-by-Betrieb ein bisschen im Glase umherschwammen oder er hatte zwar seine Zähne, aber zusätzlich noch eine halbe Pizza im Mund.

Der „Kutscher“ ließ sich aber nicht irritieren, der Zug fuhr, wie im Reiseplan angegeben, nach Hannover. Und ich werde versuchen, nicht mehr vorschnell zu sagen: „Das schreibt sich, wie man es spricht.“

Angriff der Zuckerstreuselbakterien

16. Februar 2011

Ich habe kürzlich einen Werbespot gesehen, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich auf meinem Weg durch den Tag reichlich Bakterien einsammele, welche zusammen mit fremd-angeschleppten Genossen auf meinem Seifenspender ein hygienisch vermutlich bedenkliches fröhliches Stelldichein feiern.

Um mich von der Dramatik zu überzeugen, wurde zum Stilmittel der Illustration gegriffen. So saßen also gefährliche rote Zuckerstreusel in vermutlich nicht minder gefährlichem gritzegrünem Pamp auf dem Drückerknopf eines Seifenspenders – lauernd auf ihr Opfer: den ahnungslosen Drücker dieses heimgesuchten Knopfes.

Diesem inakzeptablen bunten Treiben soll man Einhalt gebieten, indem man einen berührungslosen Seifenspender verwendet. Einfach mit dem Händchen vor dem Sensor rumwedeln, schon wird ein kleiner Blotsch Seife abgesondert und nach dem Händewaschen gurgelt die keimige Last in den Abfluss.

Ich frage mich die ganze Zeit: Welche Gefahr geht von auf dem Knopf sitzenden Bakterien für mich aus? Ich drücke ihn schließlich vor dem Händewaschen, spüle aufgenommene Knopf- + Eigenkeime also weg.

Meiner Meinung bräuchte es weniger sensorgesteuerte Seifenspender auf dem Familientöpfchen, als vielmehr sensorgesteuerte Türen an hochfrequentierten, öffentlichen Örtchen: Für nachlässige Wischi-Waschi-Typen öffnet sich das Türchen nicht! Das wäre mal ein echter Hygienebeitrag.

Fisch am Freitag (6)

22. Oktober 2010

Mein Freitagsfisch ist laut Verpackung ein „Original Swedish Fish“ – und nein, es handelt sich nicht um „Surströmming“, der von einigen wohl sehr geschätzt, von den meisten aufgrund seines ganze Landstriche entvölkernden Gestanks intensiven Geruchs jedoch weiträumig gemieden wird.
Gefangen habe ich meinen absolut gräten- und schuppenfreien Fischbeitrag aus Weingummi in der Food-Abteilung des schwedischen Möbelhauses. Habe die Tüte erst etwas misstrauisch nur ein kleines Stückchen geöffnet, aber die Gummibande ist erfreulicherweise nahezu geruchsneutral.

Beim Schreiben fiel mir auf: Gibt es eigentlich für das „Nicht-Riechen-Können“ auch einen Begriff – so wie bspw. nicht sehen können = blind und nicht hören können = taub?! Werde mal versuchen, mit einer Zuckerzufuhr in Form einiger jeder Menge Weingummi-Fische meinem Hirn bei der Wortsuche zu helfen.

Mehr Fischware ist Anja Rieger ins Netz gegangen.

Oh, Scheck …

29. September 2010

Es kommt nur noch selten vor, aber manchmal werden mir Rechnungen per Scheck gezahlt (das „selten“ bezieht sich nicht auf die Bezahlung an sich, sondern auf „per Scheck“). Beim ersten Mal ging ich zu meiner Bank, nahm ein Scheckeinreichungsformular und fing an, es auszufüllen. Bankleitzahl war einfach, was aber sollte ich unter „Vermerke des Einreichers“ eintragen? Vielleicht „Alles meins!“ oder „Juchhuu!“? Ich ließ es einfach aus und machte mich daran, die anderen Felder mit den Zahlenkolonnen zu füllen, die unten auf dem Scheck standen.

Als ich fertig war, fiel mein Blick auf den quer übers Formular laufenden Vermerk „Orderschecks bitte ordnungsgemäß auf der Rückseite indossieren“. Hm, ich vermutete mal, dass der Scheck, den ich abgab, ein Orderscheck war (schließlich „orderte“ ich das Geld). Seine Rückseite konnte ich auch noch ausmachen. Aber was bedeutete „indossieren“ und was hieß „ordnungsgemäß“ in diesem Zusammenhang?

Nach ein paar Minuten unschlüssigen Scheckanstarrens (nix da mit „Schecksekunde“) beschloss ich, mich mal wieder bis auf die Knochen zu blamieren, ging zu dem freundlich lächelnden Kassierer, zeigte ihm die Papierchen und fragte, was es denn mit dem ordnungsgemäßen Indossieren so in Bankerkreisen auf sich hat. Breiter werdendes Lächeln: „Sie müssen den Scheck auf der Rückseite unterschreiben.“

Das war alles? Weshalb stand es nicht genauso einfach auf dem Formular? Oder weiß alle Welt, was „indossieren“ beim Scheck bedeutet und nur ich habe keinen Schimmer? Seither achte ich bei Formularen auf diese Vermerke – so habe ich auch schon den Hinweis „Orderschecks sind auf der Rückseite zu girieren.“ gefunden – heißt auch nichts anderes, als dass man das Teilchen auf der Rückseite unterschreiben muss.

Indossieren, girieren – lauter nette Versuche, so bank-schlichten Menschen wie mir ihre Unwissenheit im Prüfungsfach „Scheck einreichen“ unter die Nase zu reiben. Aber in den Banken soll man nicht glauben, dass mich das davon abhält, meine Schecks abzuliefern … Soooo peinlich war mir meine Ahnungslosigkeit nun auch nicht. Außerdem kenne ich den Trick ja jetzt.

Fisch am Freitag (5)

6. August 2010

Ein verschobener Termin brachte mir den heutigen Fang, denn so kam ich unerwartet an einem Fischgeschäft vorbei. Mein knurrender Magen erinnerte mich nachdrücklich daran, dass gerade Mittagszeit war und >schwupps< war ich im Laden, um das Herings-Triple zu erwerben: Sild in Honig-Senf-Sauce, Dillhappen und den Klassiker, Hering mit Apfel-Zwiebel-Sahnesauce*. Noch schnell ein bisschen Baguette erbeutet und schon hatte ich einen leckeren Fisch-im-Biss.

Noch mehr Schuppentiere gibt es wieder bei Anja!

*Okay, letzterer hat natürlich eine enorme Konkurrenz: La Mammas handgeschnitzter Heringssalat in heller Sauce ist einfach unerreicht (war aber heute auch unerreichbar, da zwischen Fischgeschäft und Mammas Küche ein paar Hundert Kilometer liegen)! Doch auch die käufliche Version war sehr gut – es ist zum Teil vermutlich die frühkindliche Prägung, die den Wettbewerb für solche Spezialitäten besonders schwer macht.

Fisch am Freitag (4)

23. Juli 2010

Mein Freitagsfisch wohnt in einem Meeres-Aquarium. In großen Röhren können die Besucher bequem durch eine faszinierende Unterwasserwelt wandern - man hat mehr das Ich-bin-dabei-Gefühl als beim Angucken eines normalen Aquariums, was “fischophile Tauchophobiker” besonders freut. Ganz Faule können sich sogar auf ein Transportband stellen und werden gemächlich durch die Röhren gezockelt.

Ein Rochen machte es sich auf einer Röhre bequem und zeigte uns entspannt sein Bäuchlein.  Manchmal schien nicht ganz klar, wer hier eigentlich wen beguckte: Mensch <=> Fisch oder Fisch <=> Mensch. Ich hatte jedenfalls das große Glück, dass mit einem Mal ein nach meinem persönlichen Knorpelfisch-Maßstab ziemlich großer Hai direkt über mir entlangschwamm. Sehr beeindruckend! Ich zog die Kamera mit und fertig war eine Aufnahme, die ein bisschen an den Film “Jaws / Der weiße Hai” erinnert (kurz bevor die Nebendarsteller verschwinden …).


Andere Freitagsfische sind wieder bei Anja Rieger im Net(z) zu finden.

Fisch am Freitag (3)

16. Juli 2010

Der heutige Fisch kommt als Frucht daher. In der Biologie heißt dieser Versteckversuch eines Tieres „Phytomimese“ (bspw. sehen manche Raupen wie ein toter Ast aus oder eine Schreckenart wie ein Blatt usw.). Mit all diesem „Make-Up“ versuchen Tiere Fressfeinden zu entkommen – ich wüsste jetzt auf Anhieb auch kein Tier, dass einen toten Ast auf dem Speiseplan hat.

Auf die Idee zu kommen, sich als äußerst leckere Birne zu verkleiden (man schmeckt kein bisschen Fisch heraus und Gräten gibt es auch keine), halte ich allerdings für eine absolut misslungene gelungene Tarnung. Sehr ungeschickt liebe Forelle, damit wird die Zahl der Fressfeinde doch noch um Vegetarier erhöht

Mehr zum Thema Fisch wie jeden Freitag bei Fischers Fritze Riegers Anja.